Warum zeichnen
Sie  Sternchen?
Die Kraft der Kunst als Trauerbegleiterin

Larissa Reinboth, Illustratorin, und ihre Schwester Annika Reinboth, werdende Hebamme, nutzen die Bühne der Kunst, um verwaisten Eltern in der Überwindung ihrer Trauer Hilfe an die Hand zu geben. In einem Interview erklären sie, wie sie hierzu kamen.


Annika:     Wie kam die Idee der Sternenkinderporträts zustande?

Larissa:     Du hattest diese Idee. Im Leben einer Hebamme liegen Geburt und Tod manchmal sehr nahe beieinander. Kaum ist ein neues Menschenleben auf die Welt gekommen, kann es uns schon wieder verlassen. Dir war der Bedarf vieler verwaister Eltern an ein bildliches Erinnerungsstück ihres verstorbenen Kindes schon bewusst, als du mit dem Vorschlag einer Zusammenarbeit zu mir kamst. Mich aber stellte dieses Konzept anfangs vor eine gänzlich unerwartete künstlerische und emotionale Herausforderung. Wie kann ich diesem monumentalen Auftrag gerecht werden, Menschen ein Bild ihres verstorbenen Kindes zu malen, das sie womöglich für immer aufbewahren werden? Wie kann ich gebrochenen Herzen dabei zur Seite stehen, wieder zu heilen? Und wenn ich es könnte, wollte ich dies unbedingt tun. So kam ich dazu, Sternenkinderporträts zu zeichnen.


Annika:     In den meisten Krankenhäusern werden verwaisten Eltern Fotos ihrer Sternenkinder mitgegeben. Wie unterscheiden sich deine Illustrationen von diesen Fotografien?

Larissa:     Fotografien können ein schönes und angemessenes Andenken sein. In mancher Hinsicht ist eine Zeichnung für vielerlei Verwendungen aber geeigneter. Zum Einen entfaltet diese eine ganz andere Wirkungskraft als ein Foto, weil sie eine andere Körperlichkeit hat. Ihre Oberfläche glänzt nicht wie ein Bildschirm – sie ist nicht reproduzierbar und nicht zum Zweck der endlosen Vervielfältigung entworfen. Eine Zeichnung gibt es einmal, wie einen Menschen, und sie hat somit einen anderen immateriellen Wert. Sie ist nicht durch das Knipsen eines Auslösers entstanden, sondern in den Bahnen einer menschlichen Hand gezogen, die das Kind mit viel Zeit liebevoll und andächtig zu Papier brachte. Die figürliche, aber nicht fotorealistische Wiedergabe des gezeichneten Kindes würdigt dessen Dasein in einem anderen Raum als dem unseren.
Manchmal muss einem Geschwisterkind erklärt werden, was geschehen ist. Meiner Erfahrung nach wird sowohl Eltern als auch Geschwisterkindern der Zugang zu diesem Gespräch erleichtert, wenn eine Zeichnung anstatt  eines Fotos zur Hand liegt. Auch Freunden und Familienangehörigen möchte vielleicht ein Bild gezeigt werden. Hier ist es wünschenswert ein Bild zu haben, welches das Kind ohne etwaige Infusionsschläuche, Kanülen und anderen medizinischen Apparaturen darstellt. Als solches hat die Zeichnung gegenüber der Fotografie einige begründete Vorzüge.


Annika:     Wie gehst du an eine Zeichnung heran? Dürfen Betroffene Vorschläge machen?

Larissa:     Ja, natürlich! Jede Zeichnung ist individuell. Zur Vorlage brauche ich zwar stets ein Foto, auf dem die Zeichnung basiert. Die Art der Wiedergabe kann jedoch an Wünsche angepasst werden – die Kunst ist endlos flexibel. Nichtsdestotrotz hat sich natürlich für mich mit der Zeit eine persönliche Herangehensweise entwickelt, die viele betroffene Eltern sehr anzusprechen scheint. Im Vergleich zu oft gesehenen, feinen Bleistiftporträts tendiere ich zu einer kraftvolleren Darstellung. Ich scheue eher die Verniedlichung oder gar Romanisierung und bevorzuge eine visuelle Ausdrucksweise, die das Kind in klaren Linien und mit viel Tiefe wiedergibt. Meine Zeichnungen haben also meist einen sehr erdigen Charakter. Ich verwende oft Ölkreide, Kohle und weiße Kalligraphietusche auf rauem Kraftpapier. Es verleiht der Zeichnung aufgrund seiner goldbraunen Farbe eine ganz besondere Wärme. Als Illustratorin bin ich jedoch mit so ziemlich allen analogen Medien vertraut. Ich habe auch schon Temperagemälde auf Holz gefertigt und Bleistiftzeichnungen auf Acryluntergrund in Epoxidharz gegossen. Technisch gesehen gibt esalso für die Erstellung eines individuellen Porträts keine Grenzen.


Annika:     Verwaisten Eltern fällt es meist sehr schwer, dieses Erlebnis zu verarbeiten. Wie kann ihnen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema weiterhelfen? Und wie spricht man in einem solchen Moment auch noch einen unbekannten Menschen auf eine Zeichnung an?

Larissa:     Die Darstellung unserer Verstorbenen in der Kunst ist eine jahrtausendalte menschliche Kulturpraxis. Sie würdigt, erinnert und erleichtert uns den Abschied. Viele einheimische Völker, beispielsweise die australischen Aborigines, pflegen die Rituale der Visualisierung sehr bewusst. Sie malen Tote stets, um diese bildlich am Leben teilhaben zu lassen, anstatt um Hinterbliebene ständig an deren Tod zu erinnern. Die Verbildlichung unserer Verstorbenen bezeugt eine reife Auseinandersetzung mit jener unumgänglichen Gegebenheit des Lebens, die schlussendlich auf uns alle zukommen wird. Wenn es um die erste Kontaktaufnahme für eine Zeichnung geht, kostet diese natürlich immer ein bisschen Überwindung. Es ist oft schwierig, über das Thema zu reden und man findet vielleicht nicht gleich die richtigen Worte. Das ist okay. Wir finden mit Bildern zueinander.


Annika:    Dann lade ich also alle Leser ein, einen Blick auf deine Webseite zu werfen. Vielen Dank für deinen Einsatz - deine Zeichnungen helfen bestimmt vielen verwaisten Eltern, wie ich sie in meiner Arbeit immer wieder kennenlerne!

Larissa:    Das hoffe ich auch!

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Dieses Interview gab ich für den Ratgeber Trauer und Trost.